... über Hamburg-St.Pauli ...


Große Stadt am Wasser, die mich immer spüren läßt, wenn es in ihr brodelt. Liebenswerter Geruch von Meer - unten bei den Landungsbrücken, dieser herrliche Duft von großer weiter Welt. Der Duft ankert und macht fest mit den Schiffen von überallher. Besatzungen, hungrig nach Abwechslung, schlendern über den Kiez.
Ob Argentinier, Chinese oder Jamaikaner, ob Russe oder Australier, alle lieben diese Stadt und entern voll Freude den Traum von der sündigsten Meile der Welt.
Sie erstarren vor der Condomerie, lugen spitzäugig nach der Nacktheit wohlgeformter Video-Animateusen und verschwinden mit mehr oder weniger nervösen Seitenblicken in einer der beliebigen Peepshows, um später ihre ungewaschenen Hände an dampfenden Papp-Handpizzas zu verbrennen und in der jeweiligen Landessprache rumzufluchen.

Diesem Treiben schenkt man schon bald kaum noch ein Lächeln, wenn man als Anwohner ein fast ständiger Beobachter der touristischen Auf- und Abläufer ist.
Die Besucher scheinen öfters nicht ganz zu begreifen, was um sie rum so alles passiert. Aber all das wird sich in ihren späteren Erinnerungen natürlich als großartigst erweisen, und so beinahe unfaßbar, daß es ihnen eher kaum beschreiblich erscheint. So mancher macht flugs ein Polaroid mit der Verwandtschaft, bevorzugt vor der Davidwache. Die ist ja schließlich weltberühmt. Und dann bleibt allen, die nicht ein halbes Stündchen verschwiegen verschwinden, die Frage, ob die Bordsteinschwalben unter ihren Schneeanzügen nackt sind.
Es bleibt für Jeden Erinnerungswürdiges, vielleicht besonders Verrufenes, dessen man sich in der Heimat entsinnen wird. Auch die Bilder von umnebelten Pennern und Bettlern mit verschorften Handgelenken auf eisigem Stein verharrend, mit grünlichem Sabber am Revers - sie gehören dazu, und die Nutte, die ihren nackten Hintern aus dem vierten Stock streckt - als ureigene Visitenkarte ebenso wie das vorzügliche italienische Eis schräg gegenüber vom Maniküre-Laden.

Je näher und länger man schaut, desto ärmlicher, erbärmlicher, dreister, dreckiger, trister, verlorener und verlogener bietet sich einem Eingeweihten diese Szenerie, welche nur in kurzen Momenten eines jeden Tages so etwas wie einen gewissen Charme entwickelt - bei allem Mitgefühl und Verständnis. Hierarchie und Standesdünkel scheinen hier viel spürbarer als anderswo. Nirgends sonst wo ist der verzweifelte Kampf verarmter Kreaturen um ihre nackte Existenz sichtbarer: Wein, Weib und Gesang und sich dann nicht für die Reihenfolge entscheiden können, in der zu Werke gegangen wird. Singen oder lieber gleich trinken und - kommt da nicht erstmal das Weib - berauschender als jeder Wein und schöner als jeder Gesang?

Willkommen auf St.Pauli!

Freiheit at nightKeeseat nightMonopol at night

homeHamburgCopyright fkp2002